Juni 2010
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinde,
Es war ein ganz plötzlicher Gedanke, den ich vorher noch nicht gehabt hatte. Auf einmal war er da und völlig klar und überzeugend. „Du musst die anderen fragen, ob wir das Fest der Kirchweihe nicht lieber verschieben sollen.“
Ich hatte über dem Terminplan für die nächsten Kirchbautage, die Arbeitseinsätze in Eigenleistung gebrütet. Er sollte so gestrickt werden, dass bis Anfang Oktober alles fertig wäre.
Keine Frage, es wäre möglich gewesen, denn der Berg ist geschafft. Und doch sind die vielen kleinen Baustellen im Innenbereich der Kirche (hier etwas streichen und lackieren, da etwas verfugen, an anderer Stelle etwas anschrauben) nicht zu unterschätzen. Wir hätten mindestens jeden Samstag gemeinsam arbeiten müssen – und zwar mit erheblich mehr Leuten, als in den letzten Wochen an den Arbeitseinsätzen teilnehmen konnten.
Was aber, wenn alle, einschließlich Pfarrer, nicht mehr wirklich frisch sind? Immerhin bauen wir seit mehr als einem Jahr und haben Erhebliches in Eigenleistung gestemmt.
„Du musst den Kirchweihtermin verschieben.“ Erst war ich über den Gedanken etwas erschrocken, dann empfand ich ihn befreiend und schrieb bald eine entsprechende Email an Kirchenvorstand, Bauausschuss und Kirchweihfestkomitee. Die Reaktionen waren eindeutig: „Verschieben!“ Auch der Bischof versteht es und ist einverstanden. Wir werden unsere Kirchweihe also noch nicht am 9. Oktober 2010 feiern. Ein alternativer Termin steht noch nicht fest, aber er wird gründlich gemeinsam überlegt werden.
Aus einem plötzlichen Gedanken wurde eine befreiende Entscheidung. Ich bin froh, dass niemand an der einmal gefassten Planung starr festhalten wollte. Es wird jetzt erstmal eine deutliche Verschnaufpause geben!
Dankbar kommt mir die jüdisch-christliche Tradition in den Sinn, die immer darum gewusst hat, wie wichtig das rechte Verhältnis zwischen Arbeit und Ruhe ist. Am deutlichsten ausgedrückt ist diese heilsame Ordnung in der 7-Tage-Woche, die mit dem Shabbat (7. Tag) oder Sonntag (1. Tag) einen freien Tag feiert. Übrigens ist dieser Tag nicht nur ein Ruhetag; es geht von Anfang an um das Freisein. Freisein für die Begegnung mit Gott und dem anderen Menschen. Machmal muss man sich diesen Freiraum angesichts der Übermacht der Arbeit erst wieder erkämpfen!
Ihnen und Euch allen wünsche ich eine frohe Sommer- und Urlaubszeit!
Pfr. Oliver Kaiser